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Sie spielt dabei mit einem Reigen an Erzähltricks wie kaum bisher in ihren Romanen. Haupterzählerin ist die unscheinbare Privatdetektivin 'Lucie'. Eine Erzählerin, die sich sehr zurücknimmt, von den Ereignissen eher gebeutelt, denen sie widerwillig entgegensieht. Virginie Despentes setzt sie ein als Chronistin, als Anker, um mit ihr durch ein gespaltenes, düsteres Frankreich zu pflügen. Lucie erträgt es mit dem Humor der klassischen Helden aus den Noir-Krimis. Nur, dass ihr deren Tricks fehlen. Aber sie hat die "Hyäne" an ihrer Seite ...
Aus dem Schlamm, in dem Lucie und Hyäne fortan wühlen werden, zieht Despentes die anderen Figuren am Schopf heraus, um mit ihnen die Perspektiven zu wechseln. Mit ganz hoher Kunst entstehen daraus diese Wackelbilder, die je nach Lichteinfall ein anderes Motiv zeigen. Und die bilden zusammen nach und nach die Umrisse eines verschwundenen Teenagers ab: die sechzehnjährige 'Valentine'.
Dabei schmeißt sie Vorstellungswelten und Erwartungen des Lesers permanent über den Haufen. Sichtweisen kehren sich um, und manchmal doppelt. "Apokalypse Baby" steigt ein als amüsante Privatermittler-Geschichte, mit dem zynischen Tonfall des Hardboiled-Detektivs. Lucie erzählt von ihrem Job bei einer Agentur, mit faszinierenden Einblicken um die Aufträge von Privatleuten, von den Techniken etwa, mit deren Hilfe sie Teenager aus reichen Familien zu überwachen haben, bis hin zu den halbseidenen, die darauf abzielen, Gegner aus Wirtschaft und Politik zu diskreditieren. Lucie selbst, die sich ständig sublim bedroht fühlt, schreibt Wichtiges am liebsten per Papierbrief, denn die meisten ihrer Kollegen hätten schon längst Techniken verlernt, den Weg eines Briefes zu verfolgen. So sitzen die Stars der Agentur auch eher in der Informatikabteilung - und machen kaum je einen Schritt nach draußen. Diese Umstände sollen noch Bedeutung erlangen, wenn Virginie Despentes den linken Untergrund der Digitalen Vollverweigerer skizzieren wird, die sich allerdings auch untereinander bekriegen ob Ausnutzung eines unzensierten Internets, solange es noch geht, oder dem Umstieg auf für wenige zugängliche Parallelnetze.
Bisher waren es die Randgestalten der Gesellschaft, deren Tun Virginie Despentes in ihren Büchern beleuchtete. Jetzt stößt sie auch ins gehobene Bürgertum vor. Schriftsteller 'Francois' lebt nicht von seinen Romanen - in Deutschland etwa, sagt man, leben nur um die hundert Schriftsteller von ihrem Schaffen -, sondern von der reichen Familie. Eitelkeit und Selbstüberschätzung machen ihn zu einem eher unsympathischen Zeitgenossen. Aus seiner ersten Ehe - mittlerweile ist er bei der dritten - mit der nordafrikanisch-stämmigen 'Vanessa' entsprang die verschwundene Valentine. Ermittlerin Lucie und die Hyäne konzentrieren sich auf diese leibliche Mutter, bei der nun startenden Odyssee, die sie schließlich nach Barcelona führen wird.
Keiner wird gut wegkommen in diesem Querschnitt Frankreichs. Am ehesten noch Teenager Valentine selber, die sich orientierungslos den Manipulationen der Gesellschaftsfraktionen ergeben muss. Despentes basht gleichermaßen auf die Immigrantengemeinde wie auf die Linke, mit ihrem Gerede um das "Beibehalten der Wurzeln" für dieselbige. Um sich gegen die Nicht-Akzeptanz der weißen Franzosen zu wehren, erfindet Mutter Vanessa perfide Lebensstrategien. Es geht um eines der Grundthemen von Autorin und Feministin Despentes: Wer dominiert wen im Geschlechterkampf, was ist erlaubt, und was führt zum Erfolg? Teenager Valentine hat sich lange Zeit ausprobiert diesbezüglich, wie man in Rückblenden feststellt, doch jetzt wird sie die personifizierte Rache aller Verwerfungen sein: Nein, nicht die Genervtheit der Armen über die Reichen wird in der Apokalypse enden, sondern das "Ich bin unzufrieden mit der Gesamtsituation!"
Die zwei Stile in einem Buch sind hervorragend. Das Schwanken zwischen Persiflage und düsterster Gesellschaftstragödie. Lesbe Hyäne, im mittleren Alter, rutscht auf allem mit ihrer Hüfte rum, was sie greifen kann. Neben ihrer Unbefangenheit hat sie jedoch mittlerweile die Weisheit der Welt eingefangen - und kann doch nicht verhindern, dass das Finstere obsiegen wird. Die Schwiegermutter von Valentine ist dabei nur eines von vielen Übeln.
Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag | 2012 | 384 Seiten | Festeinband* | € 19,90
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