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Es gibt die Darstellung der Welt in Bild und Film als Schwarzweiss und in Farbe. Letzteres gilt als einfacher zu handhaben, ersteres schon als experimenteller. Jetzt kann man den unendlich vielen Schattierungen zwischen Weiß, Grau und Schwarz noch eins draufsetzen: Man nimmt das Pendant von nur einer einzigen Farbe mit hinzu. Und hierbei muss der Künstler genau wissen, was er tut: Denn von dieser einen Farbe - neben der Nichtfarbe Schwarz - hängt der ganze Charakter seines Werkes ab.
Im Falle Buch oder Plakat sprechen die Drucker von Duotone, da sie nur mit zwei Farben arbeiten müssen. In dieser Technik sind auch die Kreide-Zeichnungen von Tom Tirabosco zur Erzählung von Pierre Wazem im etwa DIN-A4-großen Band "Im Dunkeln" reproduziert. Der Druck ist so toll geworden, dass man meint, die Kreide der Zeichnungen unter den Fingern zu spüren. Das Papier ist ein extrem schweres, creme-farbenes.
Ach ja, und die Farbe ist ein Blau. Eines irgendwo in der Mitte zwischen Taubenblau und Himmelblau. Ein beruhigendes, melancholisches Blau. Das Tirabosco natürlich auch ins Gegenteil führen kann, wenn er den Schwarzanteil hochfährt! Und damit spielt "Im Dunkeln" genau mit den zwei Eigenschaften, die Dunkelheit hervorrufen kann: Sie kann im harmlosen Sinne Geborgenheit und Gemütlichkeit evozieren, im anderen Fall Angst und Paranoia. In "Im Dunkeln" findet eine junge Frau eine Gefährtin im mittleren Alter, die mit ihrer Lebenserfahrung der Jüngeren eine Stütze bieten kann, bei deren Aufarbeitung von Kindheit und Traumatisierung. Pierre Wazem und Tom Tirabosco spielen dabei mit einer Erzählwelt, deren Zustand eher einer Metapher gleichen wird: In ihrer Genfer Vorstadt sowie überall auf der Welt gibt es aufgrund eines Unfalls im Teilchenbeschleuniger des CERN kein natürliches Licht mehr!
Es ist hohe Kunst, wie Tom Tirabosco die desillusionierten, entnervten, grau gewordenen Menschen zeichnet, die die Dunkelheit schon seit geraumer Zeit ertragen müssen, sich durch notdürftig illuminierte Straßen schleppen oder in mit Kerzen erleuchteten Cafés sitzen. Jeder Antrieb zur Lebensgestaltung scheint ihnen, und besonders der jungen Frau, abhanden gekommen zu sein. Doch immer mehr zeichnet sich ab, dass die Frau noch ein anderes Päckchen mit sich rumschleppt, denn die Zeit vor der Dunkelheit hat sie nur schemenhaft als Kleinkind in Erinnerung, kennt es quasi gar nicht anders:
Es fühlt sich an als wäre ich in eine Welt geworfen, für die mir die Gebrauchsanweisung fehlt. Als ob die ganze Welt ein Benutzerhandbuch hätte. Nur ich nicht.
In einer Vermischung von Traum und Realität wird sie ihrer angeblich verschwundenen Zwillingsschwester hinterherjagen, eine Jagd, die auch in die klaustrophobische Tunnel-Welt des Teilchenbeschleunigers führen wird, in der üble Geschöpfe der Nacht lauern. Ihre Reise vom Dunkeln ins Helle wird korrelieren mit den Geschehnissen im realen Erzählrahmen, gipfelnd im schönsten aller Panele von "Im Dunkeln" auf genau der Schnapszahlseite 111 - ein Panel mit sehr viel Weißraum, soviel sei verraten.
Besprochene Ausgabe: Avant-Verlag | 2012 | 120 Seiten | Broschur* | € 19,95
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