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Menschen aus allen Epochen, von der Frühzeit bis zum Tag des Weltuntergangs (der laut Farmer 2008 stattfinden wird), werden nackt und glatzköpfig am Ufer eines riesigen Flusses wiedergeboren. Unter ihnen befinden sich Wikinger und massige Steinzeitkrieger, aber auch illustere Persönlichkeiten wie Mark Twain, Odysseus, Hermann Göring, Alice Liddell, Prinz John oder der 1890 verstorbene britische Abenteurer Sir Richard Burton.
Letzterer schart nach seiner nicht ganz planmäßig verlaufenen Wiedererweckung eine kleine Gruppe um sich, damit sie die Geheimnisse der Flusswelt ergründen. Wer hat sie hierher gebracht? Wer sorgt dafür, dass sie aus den riesigen Gralsteinen immer genügend Nahrung, Tabak und Traumkaugummi bekommen? Wer bestimmt, in welchen Regionen einzelne ethnische Gruppen scheinbar nach weltgeschichtlicher Einordnung wiedergeboren werden? Wo entspringt, wo endet der Fluss? Und was hat es mit den Türmen am Pol auf sich?
Schnell bemerkt man, dass die schöne neue Welt das Experiment einer außerirdischen Rasse sein muss. Farmers literarischer Alter Ego, Peter Jairus Frigate, bringt die Sache im ersten Band auf den Punkt: „Dieser zeitliche Schmelztiegel stellt das größte anthropologische und sozialwissenschaftliche Experiment dar, das je gewagt wurde.“
Farmer begann dieses Experiment 1952. Damals reichte der 1918 geborene US-Autor seine erste Flusswelt-Novelle bei einem SF-Wettbewerb ein. Farmer gewann, doch Preisgeld und Veröffentlichung enttäuschten. Dreizehn Jahre mussten vergehen, bis der Autor sich nach einigen literarischen Tabubrüchen wieder seiner Weltenschöpfung widmete und die Geschichte der Menschheit an einem gigantischen Fluss neu schrieb - zunächst in Novellen, die genretypisch erst einmal in SF-Magazinen abgedruckt wurden, ehe man sie ab 1972 zu Romanen zusammenfasste.
Zu dieser Zeit hatte sich Farmer bereits einen Namen als SF-Erneuerer gemacht, führte er das Genre doch weg von den Weltraumkriegen und hin zu persönlicheren Themen – bei denen auch Sex und Drogen eine Rolle spielten.
Der Flusswelt-Zyklus jedoch wurde so etwas wie ein Genre-Meilenstein. Allerdings ist das voluminöse Werk, der von Piper bis zum Winter in fünf schmucken Taschenbüchern komplett neu aufgelegt wird, auch klar ein Produkt seiner Zeit - mit allen Stärken und Schwächen. Ein mit dem HUGO-Award dekorierter Mix aus Abenteuerroman, Fantasy und Science Fiction, aber eben auch ein arg moralinsaures Werk mit antiquiert wirkenden Dialogen und häufig auch langwierigen Erzählpassagen. Gerade wenn Farmer seinem Vorbild Edgar Rice Burroughs (dem er später als „Tarzan“-Autor sogar direkt nacheifern sollte) stilistisch nahezu sklavisch folgt, erweist sich die Lektüre als ein Stück harte Arbeit.
Die sich allerdings lohnt. Denn dem gegenüber steht ein auch heute noch innovatives und faszinierendes Gedankenspiel - ambitionierte Abenteuer-SF mit einem großartigen Setting, die sich unter all dem Staub und aller Schwächen zum Trotz auch nach 30 Jahren noch interessant liest.
(erstmals abgedruckt in Zitty 15/08)
Besprochene Ausgabe: Piper | 2008
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