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Will man gerne mit seiner angehäuften Erfahrung eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit machen und sich als geistiges Double in seinen jungen Körper versetzen? Klar, ein Traum. Der allerdings nicht nur aus technischen Gründen nicht funktionieren wird. Denn Blender werden keine Faszination mehr ausüben, weil man sie eben als Blender erkennt, oder man wird sofort versucht sein, hinter Fassaden zu schauen, weil man als Erwachsener mittlerweile gelernt hat, heiße Luft zu schnuppern. Davon, dass die meisten Dinge unverrückbar nur beim ersten Mal Erleben so sind wie sie es eben bei diesem einen Mal sind, gar nicht zu reden. Man dürfte sich also ziemlich deplaziert vorkommen.
Naomi Alderman versucht mit "Die Lektionen" anfangs das erste Studienjahr einer Handvoll Freunde in Oxford zu umreißen, um sie in der zweiten Hälfte des Buches auch noch für eine kurze Zeitspanne nach dem Studium zu begleiten. Dabei lässt sich streiten, ob Erzähler 'James' oder der reiche und aufgesetzte Lebensfreude versprühende 'Mark' Alderman 's Hauptfigur ist. Von beiden meint man, dem Typus ihrer Persönlichkeit schon mal über den Weg gelaufen zu sein oder ihn gar nur allzu gut zu kennen. Dabei hätte man den schüchternen und leicht beeinflussbaren James gerne mal in Wörtlicher Rede gehört, die ihm Naomi Alderman aber nicht gönnt, da sie ihn ja als Erzähler fungieren lässt, während man sich beim exaltierten Mark einfach nur ab dem ersten Anführungszeichen wünscht, dass er seine Klappe hält. Dieses Missverhältnis nimmt dann doch wieder einiges an Verständnis und Plastizität um die beiden, weil nicht rauskommt, warum sich James von Mark so sehr einnehmen lassen wird - man "hört" nie, was er auf Marks lebhafte, aber wenig geistreiche Provokationen erwidert.
Sie machen ihn also, den Dipol von "Die Lektionen", James und Mark. Das Drumherum ist Tand; ein bisschen wird ins ultimative Auslesesystem des Schauplatzes Oxford gelugt und ein bisschen wird auf Abenteuer-in-der-WG, also Wohngemeinschaft, gemacht, und James und Mark haben jeweils Liebesabenteuer. Mark lässt allerdings den Freundeskreis umsonst in einem versteckt liegenden, geerbten Haus wohnen. Mark ist homosexuell und James ist Hete, aber wer ist das schon in seiner Gänze?
Nein, das Problem an Mark ist nicht, dass er es mit Tuntigkeit übertreiben würde. Wenn Alderman ihn so zeigen würde, wäre es freilich ebenso realistisch, weil es junge Schwule eben so tun, um sich abzugrenzen, sich zu erkennen zu geben, sich zu finden - wie auch immer. Alderman lässt ihn auch im Geschriebenen einfach so hohl wie sie sich ihn vorgestellt hat (oder einst als literarisches Vorbild kennengelernt hat?). Sie schafft nicht, Interesse für eine abstoßende Figur zu schaffen, so wie man es etwa für einen abgrundtief bösen Hannibal Lecter bekommt. In diesen Strudel zieht sie dann alle ihre Protagonisten mit hinein, von denen man sich wundert, dass sie Mark immer noch vergöttern, wenn er, nachdem er Bockmist gebaut hat - man stellt sich vor, in nachgeahmter Kindersprache - jammert: "Ich bin so oft so blöd, aber es tut mir leid. Meinst du, wir können Freunde sein?"
Bei der ersten Begegnung sinniert James über Mark: "[S]ein halb amüsiertes, halb argwöhnisches Benehmen machten es schwer, sein Alter zu schätzen." Für seine herablassende Jovialität wird er als gleichermaßen geschätzt und gefürchtet beschrieben. Für seine Theatralik und "Glorie" irgendwie gemocht. Warum, fragt sich allerdings der Leser, bei Sätzen wie "Schätzchen, du bist aufs Königlichste willkommen." Alle im gesamten Freundeskreis scheinen sehr schöne Menschen zu sein. So gibt Naomi Alderman im Off, sozusagen losgelöst von ihrem Erzähler James, Meta-Sprüche zum Besten, etwa "Schönheit ist eine Lüge, aber man fällt eben leicht darauf herein." Ja, der Wiederhall geht von ihren Figuren aus, aber sie lernen nicht dazu. Naomi Alderman lässt alle eher auf Schul-Niveau, also vor dem College. Sie will die totale Naivität ihrer Gruppe wiedergeben, doch der angestrebte Realismus wandelt sich in Künstlichkeit. Am ehesten wird "Die Lektionen" Freunden der Coming-Out-Geschichte gefallen. Dass eine solche beinhaltet ist, erwähnt der Klappentext allerdings mit keinem Wort.
Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag | 2012 | 380 Seiten | Festeinband* | € 22,90
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