19.05.2013         Moti Kfir, Ram Oren - Sylvia Rafael. Mossad Agentin: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Sylvia Rafael. Mossad Agentin

(2012) - Orig.: Sylvia. Chajeha u-Mota schel Lochemet ha-Mossad (2010), hebräisch
Ehud Barak in Frauenkleidern
Mossad-Agenten mit dem Aussehen von Filmstars. Ein Top-Terrorist mit Miss Universum als Ehefrau. Top-Intellektuelle als Fatah-Zellenführer in ganz Europa. Das Trauma Olympia München 1972. Und vor allem einen tiefen Einblick ins israelische Selbstverständnis bietet "Sylvia Rafael. Mossad Agentin".  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 18.01.2012

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Wer in seinen Vierzigern ist, für den bilden die Fernsehbilder des Anschlags palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft - mit 17 Getöteten: Geiseln, Geiselnehmer, ein Polizist - den ersten traumatischen Hinweis auf den Palästinakonflikt in seiner Kindheit. Auch für Israel war der bis dato erfolgreichste, im Sinne von am meisten Aufmerksamkeit erregende Coup der Terrorgruppe Schwarzer September einschneidend. Doch von den Aktionen des Mossad in den kommenden Jahren, inklusive des berüchtigten Fehlschlags im norwegischen Lillehammer, als "fehlgeleitete Rache" zu sprechen, wie es etwa der Klappentext vorliegender deutscher Ausgabe von Moti Kfir 's und Ram Oren 's Buch tut, ist natürlich Quatsch. Der Drahtzieher des Anschlags, Ali Hassan Salameh, verübte lange Jahre zuvor Anschläge, hat sie bis zu seinem gewaltsamen Lebensende weiter verübt und hätte sie bis in alle Zeit verübt. Warum er dies tat - seine persönlichen wie historischen Beweggründe - stellen die Autoren großartig dar, wie sie insgesamt ihrem Werk eine gute Balance in der Beschreibung von Historie und Motivation der beiden Feindesparteien Israel und Palästinenser geben.

So nimmt München erstaunlich wenige Seiten innerhalb des Buches ein. Doch es ist freilich klug und verständlich, dass der deutsche Arche-Verlag es im Presse- und Klappentext zum Aufhänger macht. Der bestens ausgebildete Ali Hassan Salameh gründete Fatah-Zellen in ganz Europa, die laufend weniger spektakuläre Anschläge durchführten und viele Mossad-Leute umbrachten und auch Miss-"Erfolge" hatten, wie etwa die Bombe im Gepäckraum einer El-Al-Maschine: Die El-Al hatte mittlerweile Panzerplatten um diese Räume gelegt, die Passagiere hörten nur einen lauten Schlag ...
Doch Moti Kfir, einst Leiter der Akademie für spezielle Operationen im Mossad und sein Helfer Ram Oren, bekannter Thrillerautor in Israel, widmen einer Frau eine Biografie, für die Lillehammer freilich ihren einschneidensten Lebensmoment darstellt: Sylvia Rafael. Die Agentin muss in Norwegen ins Gefängnis und ist fortan enttarnt. Ihr Lebensweg ist schillernd und trostlos zugleich, Letzteres, weil Agent-Sein im Auslandseinsatz Beziehungs- und Familienleben konträr gegenübersteht. Die Südafrikanerin, die nicht einmal Jüdin ist, sondern nur ihr Vater, lässt mit Anfang zwanzig alles hinter sich und reist angesichts von Shoa und Attraktivität der Aufbruchs- und Aufbaustimmung ins junge Israel. Ihr erstes Opfer: Den Vater wird sie nach Einstieg in den Mossad jahrzehntelang nicht sehen, die Mutter gar nicht mehr. Das Buch ist einerseits ein faszinierender Einblick ins Agenten-Biz, vor allem, was es für Rafael bedeutet, zuerst in Vancouver, Kanada, dann in Paris, Frankreich, eine komplett andere Identität anzunehmen und gleichzeitig in Paris zu einer begehrten Presse-Fotografin aufzusteigen. In einem zweiten Strang zeichnet es den nicht weniger spektakulären Werdegang Ali Hassan Salameh 's auf, der sich in jungen Jahren mit Händen und Füßen dagegen wehrte, Terrorist zu werden. Er hat keine Chance: Sein Vater war Held des 1948er Krieges und die Werber der Fatah, auch der väterliche Freund der Familie, Yassir Arafat höchstpersönlich, und seine Mutter werden ihn in vielen Anläufen rumkriegen. Die wussten, was sie tun: Der Sohn wird sich als genauso genial für seine Aufgabe entpuppen, wie sein berüchtigter Vater es in seinem damaligen Guerillakampf war.

Die ersten Fotos Sylvia Rafael 's, Ali Hassan Salameh 's und Rafael 's erstem Ausbilder strahlen eines aus: Sex. Der macht beliebt. Doch hat laut Kfir das gesamte Wesen der 2005 verstorbenen Sylvia Rafael sowie ihre persönliche Tragik sie zu einer besonders verehrten Heldin unter den Mossad-Kollegen und ganz Israels werden lassen. Zusammen mit Kontrahent Salameh, einstiger Playboy und in zweiter Ehe mit einer aus Beirut stammenden Miss Universum verheiratet, liefert das Buch ein knallbuntes Panoptikum, das sich leider nicht ein Krimiautor ausgedacht hat, sondern Realität war. Hinzu kommen Harakiri-artig anmutende Aktionen, wie die versuchte Ausschaltung Salameh 's mitten in Beirut, durch ein Fallschirm-, Schnellboot- und Auto-gestütztes Kommando, an dem der spätere Premier Barak getarnt mit Perücke und Frauenkleidern teilnahm. Solche Einzelheiten sagen wiederum viel aus, über das Volk, das sich geschworen hat, keine zweite Shoa zu erleben.

Salameh wird letztendlich ein ganzer VW Golf voller Sprengstoff töten. Miss Universum, mit ihrem zweiten Kind schwanger, wird vom Balkon aus auf das Inferno blicken müssen.
Sylvia Rafael wird vom Krebs besiegt. Der Ehemann an ihrem Grab: ihr einstiger norwegischer Verteidiger. Auch Sich-Verlieben im Gefängnis lässt Rafael 's Leben nicht aus.

Besprochene Ausgabe: Arche | 2012 | 334 Seiten | Festeinband* | € 18,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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