19.05.2013         Martin Amis - Die schwangere Witwe: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Die schwangere Witwe

(2012) - Orig.: The Pregnant Widow. Inside History (2010), engl.
Mit der Nase zwischen Buchdeckeln und Brüsten
"The Pregnant Widow. Inside History" heißt Martin Amis ' neues Werk vieldeutig im Original, in dem er elegant Hommage an die klassische Englische Literatur mit Sezierung der Sexuellen Revolution verquickt, angelegt mit verführerischen Ingredienzien: junge Menschen, Italien, 1970.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 10.02.2012

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Mädchen dürfen sich wie Jungen benehmen, seit der Hochzeit der Sexuellen Revolution, die Martin Amis 1970 ansetzt. Auch die zwanzigjährige 'Lily' will sich dieses Recht nehmen und fordert von Freund 'Keith' die "Trennung auf Probe", um sich ein paar Monate ausprobieren zu können. Wenn "Die schwangere Witwe" losgeht, sind die beiden allerdings wieder ein Paar und gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Freunde in Urlaub in Kampanien. Und das gleich wochenlang und ein komplettes Kastell bewohnend, mit diversen Terrassen, Türmchen, ziemlich versteckten einstigen Dienstbotenzimmern und - erzählerisch in Film und Buch immer am wichtigsten - Swimmingpool. Autorin Jane Austen musste sich noch mit verhaltener Symbolik behelfen, wollte man früher über sexuelle Attribute tuscheln, wie Englische-Literatur-Student Keith weiß, "Imposanz" etwa, stand für große weibliche Oberweite. Hier am Pool, 1970, liegt plötzlich alles offen, zumindest bei den Frauen. Doch auch was die Männer untenrum nackt und nachts zu bieten haben, wird jeweils zur anschließenden Morgenstunde ausführlich diskutiert. Soviel Offenheit will erstmal ergriffen und begriffen werden, von der Runde Zwanzigjähriger.

Die haben ja nichts weniger als eine Revolution in ihren besten Jahren live mitbekommen. Ihr Ergebnis könnte eine schwangere Witwe sein, der Vater ist tot, aber das Kind ist noch nicht geboren. Doch allzu kritisch sieht sie der Brite Martin Amis, jetzt 62, nicht. Vielmehr zeigt "Die schwangere Witwe", dass die Sexuelle Revolution an den Grundparametern von Liebe, Sex und Beziehung nichts Wesentliches geändert hat. Seine Heldinnen und Helden rudern genauso im Spannungsfeld von Sich-Ausprobieren-Wollen, Nichts-Verpassen-Wollen und dem gleichzeitigen Wunsch nach Liebe und Geborgenheit mit der Gefahr des Abdriftens in die Macht der Gewohnheit und der Gleichgültigkeit wie ehedem die Helden der klassischen Englischen Literatur, die Keith durchwälzt im Urlaub. Mit diesem schönen Erzähltrick - denn Keith müsste ein unglaublich schneller Leser sein - erweist Amis seine Referenz an Jane Austen, an sie immer wieder und am Ausführlichsten, an Emily Brontë oder an D. H. Lawrence. Mit ambivalentem Blick lässt er Keith auf Samuel Richardson's "Clarissa" und auf Henry Fielding's "Tom Jones" schauen: "In Tom Jones dürfen Mädchen ficken - jedenfalls die aus den untersten und obersten Schichten. Milchmädchen. Dekadente Wirtinnen. Aber Clarissa ist eine Bürgerliche, also muss sie unter Drogen gefickt werden." - "Weil es dann nicht ihre Schuld ist", weiß Lily zu erwidern. Zu Zeiten von Jane Austen's "Northanger Abbey" konnte noch ein einziger Geschlechtsakt das ganze Leben verhageln, sinnieren die beiden. Soviel zu den Verbesserungen seit den alten Zeiten.

Dass das Ringen um Sex Houellebecq'sche Kampfzone geblieben ist, erfährt die Clique um Keith überdeutlich. Wer Charme und Schönheit besitzt, langt hin oder kann sich nicht erwehren. Wessen körperliche Proportionen nicht vorteilhaft sind, muss deutlich mehr List anwenden. So läuft selbst für den baldigen Freund des Hauses, den einheimischen schwer reichen Graf 'Adriano' nicht alles wie gewünscht. Nachdem er Britin 'Scheherazade' nicht haben kann, kreuzt er trotzig weiterhin im Kastell auf, jeden Tag mit einer anderen Schönen im Schlepptau. Problem: Er ist 1,47 Meter, Scheherazade 1,80.
Keith und Lily fühlen sich nach einem Jahr (unterbrochener) Beziehung wie "Hänsel und Gretel", der Sex mechanisch. Die Eifersucht der unsicheren Lily steigt: "Ich bin Scheherazade [...] Neben dir liegt Scheherazade. Aber man hat sie betäubt. Sie ist dir vollkommen ausgeliefert", provoziert sie im Bett, doch die gut erratenen Gedanken ihres Freundes und dessen Taten werden auch divergieren. Denn der Freundeskreis ist noch verwirrt, wie er mit der neugewonnenen Libertinage umgehen soll ...

In der Literatur findet Keith keine Antworten. Diese "zickige Eifersucht", der ewige Wettbewerb, den er in der ganzen Runde verspürt, lässt ihn zu Emma flehen, der Hauptfigur aus Jane Austen's gleichnamigen Werk: "Ja, meine liebe Emma, wir steuern auf einen Wettbewerb zu, intersexuell und intrasexuell: ein Schönheitswettbewerb, ein Beliebtheitswettbewerb, ein Talentwettbewerb. Es gibt mehr Zurschaustellung, mehr Vergleiche, mehr abschätzende Blicke - und darum mehr Neid. Und Neid ist ungerecht und weckt bei anderen Unmut und Zorn. Es ist ein Wettbewerb, und daher werden einige durchfallen, einige werden verlieren. Und wir werden viele neue Möglichkeiten finden, wie man durchfallen und verlieren kann."

Das einstige Enfant Terrible der britischen Literatur, Martin Amis, wütender Exeget des Zeitgeists der Achtziger und Neunziger, schaut diesmal nur scheinbar entspannt zurück auf das Treiben am Pool, als Kind eben jener Revolution in "Die schwangere Witwe".

Besprochene Ausgabe: Hanser | 2010 | 400 Seiten | Festeinband* | € 24,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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