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Es ist der österreichische Stil. Ein Auftrumpfen in Sprachakrobatik und Wortwahl oder gar Worterfindung, das gleich auf den ersten Seiten von "Luzidin oder Die Stille" an große Meister jenen Landes erinnert. Alles abgehangen, nie neutral, stets leicht zynisch. Satz um Satz türmt sich auf, um Absätze zu manifestieren - oder sie in einem Strudel hinfortreißen zu lassen. "Gebäudelosigkeit" heißt ein Buch im Buch, in dem ein Architektenpärchen um die Welt reist, um berühmte Bauwerke zum Einsturz zu bringen. Doch schon bald empfinden sie jegliche Architektur als lästigen Störfaktor und bereinigen die ganze Welt von Gebäuden: "Wir brauchen Raum für Ideen." Der Gefahr, dass nach dem Einsturz nichts Neues entsteht, setzt sich der 23-jährige Lukas Meschik gerne aus. Denn absolute Sprachbeherrschung mit "Wille und Fähigkeit zur Sprachspekulation" sollte ein Schreiber mitbringen und dabei "Gefahrenfelder begehen, mit kindlicher Naivität", weiß der Autor in einem seiner Kolportage-Sprenksel zu berichten. An der Entstehung von Wortblasen schrammt Meschik dabei nicht immer vorbei. Seine Präzision kann für den Leser zur Routine ausarten, in der das Geschriebene nur noch um seiner selbst Willen dasteht, mit wenig Konsistenz.
Doch vielleicht tut er es schalkhaft, korrespondierend zum "Homo communicans", den er erfindet, der im Gegensatz zum Sapiens Denken durch Mitteilen ersetzt: "Kommuniziert werden muss alles, was stattgefunden haben will. Die Begebenheit wird mitgeteilt, erst dadurch ist sie wahr, wird sie nicht mitgeteilt, ist sie nicht." Dies ist nur einer von unzähligen Gegenwartsbezügen in "Luzidin oder Die Stille", die gleich ins ganz Große hineingehen wollen. Da hat die Stadt Wien entschieden, dem zimperlichen Vorgehen des schweizerischen CERN etwas entgegenzusetzen und - Angst vor die Erde verschlingenden Schwarzen Löchern hin oder her - eine eigene "Kreismaschine" zu bauen, gleich wagemutig oberirdisch, anstatt im Tunnel. Und die verschworene "Gruppe der Sieben Gefahren" übt sich am Verfassen des Überbuchs, nachdem jeder im Initiationsritual das gesamte literarische Wissen der Welt aufgenommen hat.
Man sieht schon, ein Realwelt-Roman ist es nur stellenweise. Das Buch schwankt um die Wahrnehmungsebenen der sieben Figuren aus der Gruppe, jede eine Gefahr des Menschseins personifizierend, etwa Einsamkeit, Sich-Einigeln, Kontaktlosigkeit oder Schuld auf sich laden, Verwahrlosung oder "das Kreuz mit der Zufriedenheit": angekommen zu sein. Dabei betrachtet Meschik seine Schützlinge aus weiter Distanz, mit eher seziererischer Empathie. Gegen Ende offenbart sich das Mittel, mit denen er ihnen ihre Traumverhangenheit gibt: Luzidin. Eine Droge zum selbstbestimmten Träumen. "Klartraum" nennt es der Hersteller und preist die Möglichkeit zur kollektiven Weltflucht. Die Romantik lässt grüßen. Die rote oder die blaue Pille. Wann die sieben noch in der Testphase sind, lässt sich in den Abschnitten von "Luzidin oder Die Stille" nicht so richtig festmachen. Auf jeden Fall müssen wir seitenweise "Klartraumprotokollierung" über uns ergehen lassen: Hier folgt die Form der Funktion. Aber das wird nicht jedermanns Geschmack sein. Man wird sich auf den nächsten 200-Seiten-Roman von Lukas Meschik freuen; 600 müssen es nicht wieder sein.
Besprochene Ausgabe: Jung und Jung | 2012 | 600 Seiten | Festeinband* | € 25,00
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