19.05.2013         Lisa Gardner - Die Frucht des Bösen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Lisa Gardner - Die Frucht des Bösen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

 
Archiv! sf magazin wird nicht mehr aktualisiert (Oktober 2012)

- Die Frucht des Bösen

(2012) - Orig.: Live to Tell (2010), engl.
Vom Antikind
"Natürlich sind viele dieser Eltern genauso traumatisiert wie ihre Kinder, weil sie von ihnen jahrelang getreten, geschlagen, gebissen und angeschrien wurden." Süß ist anders. Lisa Gardner macht fast ein herb eindringliches Sachbuch aus ihrem lakonischen Krimi zum Thema Kinder mit erhöhtem Aggressionspotential.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 06.05.2012

Anzeige

Hier gibt es ganz grob zweierlei zu unterscheiden: Der Säugling oder das Kleinkind ist eigentlich gesund, wird aber eingesperrt, etwa in einer ausgedienten Kühltruhe mit ein paar Belüftungslöchern, wird gefesselt, wenn die Alten in die Kneipe gehen, oder wird sexuell missbraucht. Der zweifellos noch tragischere Fall - und genauso gerne totgeschwiegene - ist, wenn liebevolle Eltern psychisch kranke Kinder mit erhöhtem Aggressionspotential haben. Lisa Gardner lässt in ihrem Buch die Spezialistin 'Danielle' in einer Kinderpsychatrie sagen, Eltern glaubten, das Schlimmste was ihren Kindern passieren könne, sei zum Beispiel Krebs. Das stimme nicht.

Natürlich sind viele dieser Eltern genauso traumatisiert wie ihre Kinder, weil sie von ihnen jahrelang getreten, geschlagen, gebissen und angeschrien wurden. Ich weiß von einer Frau, die von ihrer Zehnjährigen zum Muttertag ein selbstgemaltes Bild geschenkt bekommen hat, auf dem sie, von Messerstichen durchbohrt, am Boden liegt. Darunter stand: Stirb, du Schlampe.

Eltern stecken oft in einer Zwickmühle, die mitunter von einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung mit aufgebaut wird. "Gute Eltern, schlechte Eltern?" sind die Pole zwischen denen sie sich vermeintlich zu entscheiden haben. Gut heißt dann, viel zu ertragen, die eigene Person hintenan zu stellen, den Bruch der Partnerbeziehung zu riskieren und dem Kind letztendlich überhaupt nicht zu helfen. Schlecht hieße in diesem Spiel, das Kind professioneller Hilfe anheim zu geben. In Lisa Gardner 's "Die Frucht des Bösen" - im Original allerdings einfach nur "Live to Tell" - geht eine Partnerschaft in die Brüche, weil die ihr Kind über alle Maßen liebende Mutter sich aus Sicht des Vaters der Hybris schuldig macht, weil sie es eben selber hinkriegen will.

'Sergeant Detective D. D. Warren' scheint erstmal sehr weit entfernt von den Strängen an Erzählungen im Buch. Sie nimmt die Ermittlungen auf in zwei Verbrechen, bei denen jeweils eine ganze Familie getötet wurde, in Boston, Neuengland. Nein, soviel ist dem Leser klar, diese mit hoher Körperkraft und Geschicklichkeit durchgeführten Morde, gehen nicht auf das Konto eines Kindes, obwohl Grundthema des Buches. Das Ermittlerteam entdeckt jedoch eine Gemeinsamkeit in den beiden Fällen.

Durch diese Gemeinsamkeit kann Lisa Gardner zwei weitere, eindrucksvolle Erzählebenen aufbauen. Die eine ist die um erwähnte verzweifelte Mutter, die im permanenten Ausnahmezustand mit ihrem Sohn beschäftigt ist, der sie in psychotischen Schüben bedroht - verbal oder mit Messern, die normalerweise gut weggeschlossen sind -, schlägt oder mit Kot bewirft. Eine weitere ist gleichzeitig Selbstbeschau und nüchterner Arbeitsbericht von Danielle: "Wollen Sie wissen, was es heißt, Krankenschwester in der Kinderpsychiatrie zu sein?", beginnt eines der Kapitel aus ihrer Erzählsicht.

Wir hatten einmal ein fünfjähriges Mädchen bei uns, dessen Schultergelenke immer wieder ausgekugelt sind, weil die Eltern eine ganz eigene Vorstellung vom Babysitten hatten. Sie fesselten die Kleine, um in die Kneipe gehen zu können.

Die Stärke von Lisa Gardner 's Buch liegt in der Einbettung von herb sachlicher Beschreibung, aufbauend auf guter Recherche, auch im privaten Umfeld, wie sie im Nachwort angibt, in den Kriminalstrang um die ebenso lakonische Ermittlerin D. D..
Es ist nie voyeuristisch, wenn sie etwa aufklärt, was ein Wolfskind ist, warum es tut, was es tut, und warum sich etwa 'Lucy' momentan in der Rolle einer Katze am wohlsten fühlt, Ruhe und Licht schätzt.

Am ersten Tag ihres Aufenthaltes bei uns hat sie sich den Arm aufgeschlitzt und mit dem Blut die Wand beschmiert. Das Kind hat schreckliche Sachen gemacht, weil ihm Schreckliches zugefügt worden ist.

Besprochene Ausgabe: rororo | 2012 | 560 Seiten | Broschur* | € 9,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
blog comments powered by Disqus

Anzeige

 

Anzeige