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Verschränkungen von Fiktion und Vorbild, Erfindung und realen Geschehnissen, Figuren und lebenden Menschen sind das Lebenselixier von Kunst und Literatur. Hierin wiederum beliebt, die Selbstreferenzialität. Spitzbübin Janne Teller verschränkt das alles in "Komm", um gleich zwei Alter Egos auf einer Metaebene die Causa verhandeln zu lassen: Eine sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sehende einstige UN-Mitarbeiterin beschert einem Literaturverleger einen geschäftigen Feierabend, allein in seinem Büro, in einer Nacht voller Schneetreiben.
Teller arbeitete für die UN und ist jetzt Schriftstellerin. Verlegerin freilich nicht. Aber zweifellos ist auch die Figur ihres Verlegers ein Konglomerat aus Vorbildern und Erfahrungen. Der Rezensent gibt an dieser Stelle zu, dass ihm die vielen Klar-Namen aus der dänischen Literaturszene in "Komm" nichts sagen. Das dänische Original ist bereits von 2008, und es gibt Andeutungen in Richtung problematischer Fälle in der Grauzone Fiktion, Identifizierbare Fakten und Plagiat. In Deutschland wird dieser Komplex erst 2010 mit dem Fall Hegemann einschlagen.
Mit seiner Beschränkung der erzählten Zeit auf einige Nacht-Stunden, verortet in einem Verlagshaus und auf den aufreibenden Zwiespalt von nur einer Person - dem Verleger -, ist "Komm" eher Novelle denn Roman. Doch selbst dafür verliert es schnell an Dichte; neben dem Kernkonflikt dengelt Janne Teller noch das Privatleben des Verlegers mit hinein, mit seltsam banal wirkenden Bezügen, die gleich mal die großen Fragen um Treue und beruflichen Opportunismus beim doppelt-fremdgehenden Ehepaar - sie Berufspolitikerin - mit Ethik im Schriftsteller- und Verlags-Biz verquirlen wollen.
Das ist äußerst schade, startet "Komm" doch in unglaublicher Komprimierung und mit tollen Erzähltricks: Wir treten in die Geschichte ein, als die mysteriöse Lyrikerin und einstige UN-Angestellte 'Petra Vinter' besagtes Verlagsgebäude gerade verlassen hat. Der Verleger hat die Tür gerade zugemacht und ist fortan auf seine Gedanken über dieses Zusammentreffen zurückgeworfen. Für den Leser schwebt diese Vinter noch über der Szenerie. Vielleicht als flocken-durchsetzter Windhauch im Eingang, denn es herrscht Schneetreiben. Oder als Parfümhauch im Büro ... Dessen nicht genug: Der Verleger muss bis zum Morgen eine achtseitige Rede zum Thema "Ethik in der Verlags- und Literaturbranche" verfassen. Sowas erledigt er eigentlich fix. Wird diesmal aber die ganze Nacht brauchen.
Die Frau hatte um die Nichtveröffentlichung eines Manuskripts gebeten. Was der Autor verfasst habe, sei "ihre" Geschichte. Die habe sie ihm zwar selber erzählt, er habe aber versprochen, nichts davon zu verwenden.
Der Verleger reagiert in seiner Entscheidungsfindung, die parallel zum Verfassen der Rede abläuft, zunächst trotzig: "Ein Verlag ist für den Autor ethisch nicht verantwortlich", schreibt er, und dass sich Künstler und Schriftsteller stets des Materials bedient hätten, "das ihnen klar vor Augen lag." Er zieht Vergleiche, von Picasso, über "Der große Gatsby" bis hin zu "Buddenbrooks". Doch zusehends gerät er in seinen Argumentationen ins Schlingern und forstet genauer in seinen Erinnerungen über Begegnungen mit Petra Vinter und nimmt sich auch aus dem Büro des betreuenden Lektors das fragwürdige Manuskript zu Hand. Zunehmend stellt er in Zweifel, ob sich der Künstler seiner Verantwortung entledigen kann, simpel weil die Kunst nicht die Wirklichkeit ist, also theoretisch gar keine ethischen Maßstäbe an sie angelegt werden können, wie er anfangs noch sinniert.
Dass die Freiheit der Kunst respektive der Literatur eine Grauzone ist, allegorisiert Janne Teller in der Verwischung von klaren Erinnerungen und verschwommenen Eindrücken des Verlegers und wenig identifizierbarer Fakten aus dem Manuskript. Verleger und Anklagende bleiben gleichermaßen unzuverlässige Erzähler. Auch hier dient wieder die Erzählform der Funktion. Doch ab der zweiten Hälfte ergeht sich "Komm" in Redundanzen, denen man zwar Selbiges unterstellen könnte, dass sie eben das Gedankenkarussell des Verlegers wiederspiegeln, die den Leser aber, zusammen mit der bis zum Ende allzu nebulös gehaltenen Petra Vinter und den tödlichen Ereignissen um sie während einer UN-Friedensmission, unbefriedigt zurücklassen.
Besprochene Ausgabe: Hanser | 2012 | 160 Seiten | Festeinband* | € 16,90
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