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Für Leser ab zehn Jahren sei das schelmische Werk der beiden Schweizer Gion Mathias Cavelty und Chrigel Farner geeignet, sagt der Verleger Salis. Nur darf man sich nicht fürchten vor verwachsenen oder gnomhaften Gestalten, mit buckligen Auswüchsen, aufgedunsen oder leprös, mit Furunkeln und Aussatz. In einem verwunschenen Wald scheint sich alles zu bewegen, nicht nur die Pflanzen im Wind, sondern das, was aus ihnen herauswächst, Gesichter bekommt und eher ins Reich der Tiere überwechseln will. Kürbis- und Bovistenartiges und Knolliges lauert zwischen Lianen und Farnen. Alles wuchert und drängt und der Mensch scheint schnell verschluckt von soviel lebenshungriger Gier, von Modern, Absterben und Neu-Entstehen. Dies alles allein auf einer Doppelseite des etwa DIN A4-großen Bandes, auf der es sich lohnt, mit dem Auge jeden Quadratzentimeter abzusuchen, nach filigranen Entdeckungen.
Doch Story-Schreiber Cavelty und Zeichner Farner werden überwechseln in eine noch bizarrere Welt, nämlich in die der Tarot-Karten. Cavelty erlag von Kindheit an ihrer Faszination und sammelt Karten-Sets. Ein Dutzend Figuren greifen sie heraus und nehmen sich Dank des größeren Formats gegenüber der Karten alle gestalterischen Freiheiten, zusammen mit Zwischenwelten, in denen sämtliche Physik aufgehoben zu sein scheint. Der Grusel bleibt. Schön zu nennen sind allenfalls Randgestalten, die auch auf diesen Tableaus die möglichen oder unmöglichen Räume bevölkern. Zwitterhaft ist hier nicht nur der Teufel selbst - warum eigentlich nicht das Teufel? -, Hermaphroditen und Wechselbälger gesellen sich neben halb Pflanze, halb Tier, und aus seinem Bündel heraus formt der Junge 'Nemorino' zwar keinen Homunkulus, doch immerhin ein furchterregendes riesenhaftes mechanisches Kaninchen.
Es ist dieser Junge, Nemorino, der eigentlich nur seine Oma in den Ferien besuchen will. Die wohnt allein in einem Wald mit unaussprechlichem Namen. Schon in der ersten Nacht hört er, was da im Wald passiert, "Geraschel; Gekrabbel; Geknurre; Geschmatze; Zähnefletschen ..." Farner bebildert die Akustik: Waldtrolle trauen sich aus ihrer Tarnung und sind doch kaum von Moos und struppigem Unterwuchs zu unterscheiden, ein schönes Waldfräulein liebkost ein gewaltiges löwenartiges Tier ...
So ganz scheint Oma nicht nur Oma zu sein; jeweils mitternachts lassen sich von ihr ein General vor einer Schlacht, eine Fürstentochter vor der Heirat mit 'Zarewitsch Arkadi Romanow' und der hagere, monokeltragende Staatspräsident von Frankreich die Karten lesen. Klar erweckt das Neugier beim Nemorino - und schwupps, allzu naseweis, wird er ins Reich der Karten gesogen! Dabei spielt ein Zickzack laufender Kamin eine Rolle, er "verbreiterte oder verengte sich nach Belieben, wackelte, schwankte, krümmte sich in alle Richtungen". Hier zwingt Farner Zeit- und Raumebenen auf nur ein Bild: M. C. Escher lässt grüßen.
Nemorino im Kamin muss sich furchtbare Entstellungen und Verzerrungen und Grimassen durch die Kräfte des Weltenwechsels gefallen lassen. Nicht nur an dieser Stelle muss man sagen, dass bei "Nemorino und das Bündel des Narren" wirklich zu beachten ist, wie hartgesotten das Kind ist, dem man es in die Hand gibt. Selbst wenn Nemorino den Tod überzeugen kann, einen Süßwarenladen aufzumachen, büßt der freilich nicht seinen makabren Geschmack ein: Gelierte Augen, Fruchtgummikram in Form abgehackter Hände oder kandierte Innereien zeugen vom handwerklichen Geschick des Todes (der mittlerweile selber fett geworden ist und ganz sympathisch wirkt).
Die ganzseitigen Tableaus sind jedes für sich ein Meisterwerk, altertümlich wirkend in ihrem Anspruch und ihrem Aufwand - aber nicht retro. Das Lettering mit handgeschriebenen Überschriften und behutsam eingesetzten Sonder-Fonts ist liebevoll. Das gewählte matte Papier erhält den zeichnerischen Charakter und gibt dennoch die Farbwelt prächtig wieder. Augenzwinkernd, derbe und hinterfotzig: Hier haben sich Texter und Zeichner gefunden.
Besprochene Ausgabe: Salis | 2012 | 52 Seiten | Festeinband* | € 39,00
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