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Im Roman-Erstling "Dazed & Aroused" des Briten Bower von 2009 waren es noch die Obdachlosen, die Straßenprediger, die Verwirrten, die lauthals über "BLiar" Blair schimpften und Bower 's Alter Ego 'Alex' musste sie darauf hinweisen, dass dieser schon lange nicht mehr Premier sei. Jetzt, in der Erzählzeit von "Made in Britain" 2011 ist man schon zwei Premiers weiter und betrachtet man die Ignoranz des amtierenden etwa gegenüber den Riots in London-Hackney, könnte man sich glatt wieder nach lügendem Tony Blair zurücksehnen. Denn an der Transformation des einstigen Industriegiganten Großbritannien ist nicht nur seine Regierung gescheitert. Wie das Leben vieler, etwa in der post-industriellen Wüste Nordenglands aussieht, ist Thema in "Made in Britain".
Irgendwo auf der Linie Leeds, Bradford, Manchester liegt "Every Town", wo ganze Straßenzüge und Industriebrachen einfach dem Verfall preisgegeben sind. Hier denkt sich Gavin James Bower hinein in die Köpfe dreier sechzehnjähriger Teenager, die wenige Tage vor Zeugnisvergabe stehen - einer wichtigen: Mit dem Ergebnis zieht man als Sixth Former weiter Richtung Abitur - oder nicht. 'Hayley', 'Charlie' und 'Russell' wollen es eigentlich, das Höhere, das Weiterkommen, doch stellt sich für sie ebenso die Sinnfrage. Bis zum Abitur machen und arbeitslos werden oder jetzt sofort aufhören mit der Penne und irgendwas jobben? Greifbare Gründe für Letzteres gibt es eher mehr: Das Leben in den Elternhäusern ist mehr oder weniger unerträglich, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Gewalt dominieren, und alle drei wollen nur weg aus der Enge Every Town 's mit ihrem Klima von Gehässigkeit, hierarchischer Unterordnung und Malträtierung unter den Jugendlichen, von durch Armut generiertem Rassismus und von Gewalt gegen Schwule, die sich aus Geltungsbedürfnis speist.
"I want to get out of here", antwortet der schüchterne Russell auf die Frage nach seinem sehnlichsten Wunsch. In der Schule zwar gut, ist der Tagträumer prädestiniertes "Opfer" für Schlägertypen. Doch Gavin James Bower entwickelt für ihn ein gewollt märchenhaftes Band mit dem coolen, robusten Charlie, der ihm im Verlauf von "Made in Britain" dreimal das Leben retten wird. Das ständige genaue Beobachten der Altersgenossen in der direkten Umgebung ist ein Aspekt, den der Autor in der nötigen Gewichtung und aus eigener präziser Erinnerung fulminant wiedergibt. Von wem und aus welcher Konstellation heraus kann Gefahr ausgehen? Wo droht Häme und Erniedrigung?
Ein weiterer freilich, die Verwirrung um Liebe. "Russell was in love with the idea of being in love." Das Mädchen Hayley hingegen lässt sich zeitgleich von einem Lehrer ausnutzen und ist der Überzeugung, Chancen bei Charlie zu haben. Es ist hohe Kunst, ihre Naivität und Dummheit, einfach dem geringen Alter geschuldet, in eine dem Leser erträgliche und sogar Sympathie heischende Form zu bringen - ein Spagat, den wenige Schriftsteller beherrschen.
Zu diesem Spagat gehört andersrum, dass Bower seinen Figuren Dinge in den Mund legen muss, die ein Sechzehnjähriger eher nicht denkt, oder nicht so elegant. Etwa wenn Russell bei einer Bahnfahrt sinniert, dass die Apartements in den Glasbauten an falscher Stelle stehen, da ihre prominenten Bewohner bestimmt den Blick hassen, auf die Underdogs in den Wohnsilos genau gegenüber ... Bei Offbeat Generation-Kollege Lee Rourke bildet "Der Kanal" in Hackney den Riss, die Scheidelinie, in seinem gleichnamigen 2010er Roman, der als Menetekel die Riots vorwegnimmt. Andererseits sind Gavin James Bower 's Kids schneller erwachsener geworden als andere. Es ist berührend, wie sich die Kinder mehr um die zerbrochenen arbeitslosen Eltern kümmern als andersrum. In ganz kleinen Ausschnitten, Blitzlichtern gleich, kann Bower Wärme erzeugen: Einen Cousin Russell 's aus Leeds lernen wir nur mit ein paar Sätzen kennen. Er ist der Einzige, der noch Kontakt zu diesem Familienzweig hält, - "who stays in touch." Die Großstadt Leeds als Sehnsuchtsort, an dem alles besser ist, ist nur eine Metapher unter vielen für Hoffnung und den Wunsch nach Ausbruch.
Die Figur Charlie ist eine Art Kunstcharakter. Er ist Engel, Racheengel und Goon zugleich. Vielleicht gerade durch sein Gerechtigkeitsempfinden und Auftreten als Respektsperson ist er Anwerbeziel von Großdealer 'Waj'. Dass man, einmal drin in Gewaltverbrecherkreisen, so gut wie nicht wieder einfach aussteigen kann, ist oft erzählt und absehbar, doch will Bower hier eher mit den Empfindungen seines Helden punkten, und das tut er.
In einer leeren Videocassettenhülle des Filmklassikers über die Skinheadszene, "Made in Britain", findet Charlie 200 Pfund, die er einer Junkie abknöpfen kann, die seinem Chef schuldet. "I always hated that film", lässt ihn der Autor sagen. Und Gavin James Bower scheint zu sagen, ich hasse, dass seit 1982 alles viel schlimmer geworden ist.
Besprochene Ausgabe: Quartet | 2011 | 197 Seiten | Broschur* | € 12,99
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