Anzeige
Florian Scheibe, in Berlin lebend, ist mal wieder so ein Schelm, der es dem Rezensenten außerordentlich schwer macht, bei der Besprechung nicht zuviel vorwegzunehmen. Seinen Band "Weiße Stunde" hat er auf etwa Seite 130 zweigeteilt. Was dann beginnt, offenbart die ausgefuchste Konstruktion seiner Erzählung. Erst jetzt wird der behäbig startende, freilich stets atmosphärisch fesselnde Roman, beginnen, wie ein Schlag ins Gesicht zu wirken.
Man ist seit fünf Jahren ein Paar: der Schriftsteller und Ich-Erzähler und 'Svenja'. Svenja scheint uberdeutsch im Aussehen und dabei Model-Maße zu haben, ihr Wesen scheint das Gegenteil: Sie kann mit jedem, sprüht mehr vor Lebensfreude als die Sizilianer und spricht perfekt italienisch. Der Schriftsteller ist in sich gekehrt und markiert den drögen Deutschen. Sie macht in Kunsthistorik und erforscht den bröckelnden Barock des Städtchens Noto. Er kommt mit dem Schreiben kaum voran.
Die Ausnahmesituation - hier die flirrende Hitze und die Andersartigkeit Siziliens - ist zum einen gerne genommenes Motiv in der Literatur. Zum anderen führt sie gerne zum Bruch: bei Zweierbeziehungen. Tausend mal erfahren, tausend mal gelesen, soweit. Florian Scheibe setzt eins drauf: Faktisch beendet er die Beziehung gar nicht, sondern lässt Svenja zu Beginn des Buches einfach verschwinden!
Sein Held reagiert aber genau so, als wenn er der Beziehung schon lange überdrüssig gewesen wäre. Er hadert, das Verschwinden der Polizei zu melden, anfangs schiebt er funktionale Beweggründe vor: der Hassel mit den Obrigkeiten etwa oder sein schlechtes Italienisch. Er richtet sich ein. Als sich die anderen Freunde Svenjas im Dorf Sorgen machen, erfindet er eine berufliche Reise Svenjas nach Palermo! Jetzt ist er drin, in einem Lügenkonstrukt, aus dem er nicht mehr rauskommt. Vorerst.
Er findet seinen Schreibrhythmus, kann nach getaner Arbeit das Dorfleben genießen und wird flirten mit Touristinnen. Klar, wird die Situation umschlagen, nachdem Svenja mehrere Wochen unauffindbar ist und der Ich-Erzähler unter Zugzwang gerät ...
"Weiße Stunde" ist kein purer Krimi, sondern geht tiefer. Der Ich-Erzähler verfehlt eine allgemeingültige moralische Maxime, hier stumpf, sich um seinen Nächsten zu kümmern. Auf der anderen Seite nutzt er die legitime Chance, sich und sein Leben einfach etwas freizuschaufeln. Das wird er seiner Umwelt schwer verkaufen können. Dieses Dilemma und die Diskrepanz in Selbstwahrnehmung und Außenwahrnehmung schildert Florian Scheibe sprachlich brillant.
Besprochene Ausgabe: Luftschacht | 2012 | 192 Seiten | Festeinband* | € 20,40
Twittern
Anzeige
1. Manfred Rumpl: Das weibliche Element - Sechs Stories (2012)
2. Bettina Balàka: Kassiopeia (2012)
3. Virginie Despentes: Apokalypse Baby (2012) - Orig.: Apokalypse Bébé (2010), französisch
4. Elin Hilderbrand: Inselglück (2012) - Orig.: Silver Girl (2011), engl.
5. Toine Heijmans: Irrfahrt (2012) - Orig.: Op Zee (2011), niederländisch
Kevin Kuhn:
Hikikomori
Berlin Verlag, Broschur
Ayman Sikseck:
Reise nach Jerusalem
Arche Paradies, Festeinband
Kurt Vonnegut:
Hundert-Dollar-Küsse - Erzählungen
Kein und Aber, Festeinband
Helen Hodgman:
Gleichbleibend schön
Knaus, Festeinband
Anzeige