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Arno Geiger Alles über Sally

Arno Geiger - Alles über Sally (2010)

Kampf dem Alltag
Arno Geiger, Anfang vierzig, versucht, die in ihren Fünfzigern steckende Generation zu begreifen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 08.02.2010
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Arno Geiger findet, Frauen in ihren Fünfzigern bleiben zunehmend interessant und sexy verglichen mit früheren Zeiten, wie er in einem Interview betont. So eine ist 'Sally', die aus dem Titel, und ihr Ehemann ist etwas älter, Ende fünfzig. In "Alles über Sally" kramt Geiger ein wenig aus der lebhaften Vergangenheit der beiden in den Siebzigern hervor und erzählt ansonsten vom Alltäglichen. Nebenbei verwendet er einen Kunstgriff; es wird eingebrochen bei Sally, Ehemann 'Alfred' und den drei so gut wie erwachsenen Kindern. Dabei verwüsteten die Einbrecher gründlich und sinnfrei, kritzelten zum Beispiel in Tagebücher und verstreuten Dinge, die jahrzehntelang in Ecken gehortet waren. Jetzt kann Geiger spielen, mit den larmoyanten, alten Erinnerungen der Ehepartner, wenn sie wieder mal einen Gegenstand aufsammeln und dessen Verknüpfungen dann vor dem geistigen Auge entstehen.

Doch das ist gleichzeitig das erste, was störend wirkt, in diesem Buch, das mehr wie ein Konstrukt denn wie eine Geschichte daherkommt. Oder zumindest ist es Geschmackssache. Nein, es geht nicht darum, dass doch die Einbrecher nicht vom CIA waren, warum sollten sie also akribisch und psychopathisch kleine Gegenstände zerstören. Arno Geiger kommt aus dieser Art von forcierten Rückblenden gar nicht mehr heraus, während sich seine Figuren so gut wie gar nicht durch ihr Tun oder ihr Kommunizieren dem Leser mitteilen. Wir sind auf die Beschreibungen Geigers angewiesen, der die Figuren interpretiert, als stünde er vor einem Gemälde, sie kühl skizziert, als schreibe er noch gar nicht den Roman, sondern die Vorarbeiten.
Gut, das muss er tun, bei dem was er vorhat. Kurz nach dem Einbruch geht die in jungen Jahren eher promiskuitive Sally zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder fremd. Das Einzige was in dieser Jetzt-Zeit ausführlich beschrieben ist, ist ein schöner Nachmittags-Fick im Hotel. Ansonsten wird auch in dieser Affäre keine Entwicklung verfolgt.

Wie ist die also, diese Sally? "Sally jedenfalls tat ihr Möglichstes, den irreführenden und laxen Impressionismus der weichen Ausdrücke zu vermeiden." Aha, sie ist also nicht political correct in den Achtzigern weichgespült worden, sondern hat sich Trotzigkeit und Aufbegehren der Siebziger beibehalten. Trotzdem redet keiner so, wenn sie mal wieder beiläufig Dinge sagt wie "Jedenfalls glaube ich nicht, dass es den Wert unserer Liebe im Nachhinein schmälern würde, wenn sie irgendwann wieder aufhört." Das kommt immer zu sehr aus dem Drehbuch, würde man beim Film sagen. Sogar die wenigen wörtlichen Äußerungen der drei Kinder kommen immer zeitgeist-geschwängert daher. Der einzige, der normal redet, ist Ehemann Alfred. Aber der kommt wie alle anderen auch kaum selber zu Wort, sondern wird uns meist als Kondensat schulmeisterlich verabreicht. Dennoch bleibt er Archetyp, "Er wolle nichts mehr erleben, sammle seine Pensionszeiten und warte ab, bis alles schmerzlos vorüber sei", wirft ihm gedanklich Sally vor. Das darf nicht sein, denn noch über den gewöhnlichsten Menschen auf Erden sollte der Autor etwas ihm eigenes schreiben können.

Mit dem Psychologie-Baukasten lernen wir noch, warum Sally früher so eine Wilde war - sie kennt nämlich ihren Vater nicht. Im Mittelteil von "Alles über Sally" wird kräftig über Ägypten gebasht, wo sich Sally und Alfred studien- und berufsbedingt kennen- und ausgiebigst liebenlernten. Nun stellt Arno Geiger dem die öde Gegenwart entgegen. Doch ist die wirklich so öde? Der Vergleich mit einer unbeschwerten Studentenzeit an einem exotischen Ort, in chaotischen Butzen mit den lustigen Tücken eines Kairoer Alltags und dem Sich-Lustigmachen über die Langsamkeit der Araber hinkt doch völlig! Weihnachten ist nicht aller Tage! Okay, schließlich scheinen das allerdings gegen Ende auch Geigers Protagonisten einzusehen...

Es gibt noch mehr Dinge, aus denen wir eher Geigers Weltsicht heraushören, ob wir das wollen oder nicht, als dass sie Sally erhellen; etwa ihr Lehrerinnenalltag und Geigers Sicht der heutigen Kindergeneration. Und wenn der Tod des Lehrerkollegen Pomossel anrührender ist, als die Geschichte der Hauptfiguren - dann stimmt etwas nicht. Aus dem Alltäglichen wollte Arno Geiger viel machen, doch davon ist alles so schnell vergessen wie der Alltag des Heute am nächsten Tag.

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Besprochene Ausgabe: Hanser | 2010 | 368 Seiten | Festeinband* | € 21,50
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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